die gehörte geschichte nachlesen. nachschauen, was für @Philipp_Sarasin wirklich ist.

was heisst: wirklich sein?

am 23. märz 2016 befassten sich drei herren – plus den gründlich einführenden herrn moderator privatdozent doktor hartmut von sass – mit dieser herrlichen frage:

was heisst: wirklich sein?
was heisst: wirklich SEIN?
was heisst: WIRKLICH sein?
was HEISST: wirklich sein?
WAS heisst: wirklich sein?
WAS HEISST: WIRKLICH SEIN?

sensationelle, grossartige, typische fragen, mit welchen sich männer beschäftigen, bis die frau am herd telefoniert, die kinder seien jetzt im bett, der herr professor könnte jetzt zum nachtessen kommen. es hätte auch genug für einen freund. aber nur wenns grad passt.

das collegium helveticum. eine herrliches, kappellenartiges herrenhäuschen umgeben von notfall- und anderen spezialisierten spitälern der universität zürich. über eine kurze treppe erreichbar. dabei schlüpft mann unter einem balkönchen durch und wähnt sich sofort in einer gänzlich anderen welt. noch einmal kurz nach links unten geschaut: ein ausgestellter, grausam zerfetzter körper schwebt dem boden ätzend nah. ja: hier gehts ums nackte, ausgesetzte, verwundete leben. eine operation am offenen herz. eine inter-, super-, meta-, supra, vertical-, und/oder transdisziplinäre einrichtung zwischen uni und eth. und manchmal dürfen sogar sogenannte professoren der zhdk, der zürcher hochschule der künste, hier ans mikrofon. um aus strategischen gründen abzuschweifen: an fachhochschulen wird jenem prekären, UBERflüssigen, UBERschüssigen, akademischen personal ein grundeinkommen ausbezahlt, welches an der universität keinen platz angeboten werden kann. das ermöglichte praktischerweise, dass sich die universität der wirtschaftlichen praxis widmen kann und die fachhochschule mit theoretischer theorie gelähmt wird. wo war ich? ahja:

zwei dicke kameras, bedient von einem fähig aussehenden mann, stehen im kappellenraum. später sehe ich noch eine dritte kamera. ein roboter auf einer fensterbrüstung. ferngesteuert. via headset ist der im saal exponierte mann mit einem nächsten mann hinter vielen knöpfen und schaltern im eingangsbereich verbunden. dieser zweite kompetente mann beobachtet und entscheidet das entscheidende kompetent. er ist distanziert, nüchtern gelöst von der knisternden spannung in der kappelle. die beiden zeichnen mit ihren maschinen und automaten das wertvoll vorgetragene hochwertigst auf.

die internet-verbindung ist dünn. das wLan mit dem namen „public“ meint angehörige der universitäten dieser welt. die grenzen der welt, sind die grenzen der immatrikuliert gebildeten. und für alles jenseits dieser enormen unterscheidung, welche einen praktischen unterschied macht, braucht es komplizierteste, aufwändigste, teuerst vermittelnde technik, um diese mauern, diese zäune, diese köstlich-heiligen elfenbeintürme zu überwinden. es braucht medien. sozial platt gemachte formen. es braucht journalisten und kindersoldaten und ganz sicher sehr viel geld. auch für konzepte. es ist kompliziert. nein. es ist gar sogar komplexkeine ahnung.

ich kenne die zeichenkette „COLLEGIUM HELVETICUM“ erst, seit dieser name hinter einem namen unter einem freundlichen text stand. (der teufel versucht bekanntlich auf schon gemachte häufchen zu schei**en.) kurz vorher wurden wir von einem gigantischen angel-investment in den cyber-olymp gerocketboomt. und mit der unterschrift vom collegium getraute sich migros kulturprozent freundlicherweise auch noch ein bisschen – und ganz bedingungslos – geld zu überweisen. wobei ich persönlich am damit verbundenen gummipokal bis heute mehr freude habe. abernu: die party fett. die location hot. das licht neoblau. es war sehr, sehr, sehr toll. das hat wirkung. eben.

zum beispiel: seit ich in zürich im EXIL bin – seit sommer 2014-  und – wie heute ostersonntag morgen – von der freienstrasse in die #ASYLstrasse9 wechselte, um hier in meinem schaufenster meinen lagerraum in bewegung zu halten, gehe ich – wann immer ich kann, was letztlich doch selten ist – an veranstaltungen des collegiums. so auch am 23. märz.

es geht um den vortrag von philipp sarasin:

aber es ist schwierig. es ist ostersonntag. es geht um geschichte. es geht um diese vielfalt von sichten auf schichten von geschichten. und jene mit diesem jesus, ist eine der wirkungsmächtigsten schichtungen. sarasin wird seinen vortrag schliessen mit der bemerkung, dass

„die unausweichlichkeit der interpretation“

anzuerkennen sei. und damit kann ich schlecht leben… als sozialarbeiter beginnen und enden meine unzeitgemässen betrachtungen stets mit geschichten von macht und gewalt. mit behindernder und begrenzender macht (silvia staub-bernasconi. the tradition of peter heintz. the tradition of #weltgesellschaft. aus dem weltobservatium #HTTNGN). ich werde mir also einen anderen schluss er:finden MüSSEN. aber davon später mehr. wo bin ich? ahja:

die katholische kirche pflanzte ihr osterfest auf ein jüdisches hochfest. der jüdische monotheismus feiert in diesen stunden die befreiung aus dem erlittenen exil. aus unaussprechlichen gründen gelang die flucht, in dem alle ihre feinde im meer absauften und untergingen. ein riesen theater! das meer soll sich geteilt haben. der boden sei sofort trocken gewesen. ein stecken und stab trieb die schäfchen auf blühende weiden, wo milch und honig fliesst. im rücken dieser fluchtwanderung spielte sich ein unermessliches massaker ab.

  • niemand war schuld. 

  • niemand wollte es so. 

  • alle sind irgendwie opfer.

die anderen verreckend zwar dabei. aber das leben ist ja bekanntlich tödlich. früḧer oder später. für alle. (oder die meisten. das ist – so weit ich sehe – bei der aktuellen bevölkerungsexplosion statistisch-empirisch für die gattung der menschen noch nicht ganz sicher zu beantworten. bzw. wir mit jeder sekunde statistisch-empirisch immer unsicherer zu beantworten. ach. egal. zahlen retten nicht.)

keine ahnung. die metapher vom meer ist beliebt. und grausam aktuell.

jedenfalls war es gestern auch wieder so. schon am samstag abend um 21h verkündete der sonst so radikal tuende papst franziskus völlig überstürzt, dass jesus auferstanden sei. eine absolut debiles vorgehen. und besonders für gestern. papst franziskus stand ja in rom und wurde von den mikrofonen live ins weh!weh!weh! übertragen. die realpräsenz gottes war zwar dort. aber auch bei uns in zürich. trotzdem: was will dieser gute wissen? er behauptet! er behauptet! er behauptet! er behauptet er sei arm. und dann steht er in teuersten kleidern im teuersten gebäude der welt und jubelt: der könige der armen ist auferstanden. halleluja. wahrlich, er ist auferstanden. AMEN. (was ganz genau soll daran glaubwürdig sein?)

sowieso ist dieses katholische prozedere supr unglaubwürdig und bringt die bande ja eben in diesen logischen verdacht. wenn jesus erst am ostermontag – 3 tage nach der kreuzigung – aufersteht, warum verschicken die dann die pressemitteilung schon am samstag abend? das ist starkes indiz auf schiebung. sowieso: wenn jesus „ganz mensch“ war, ist er eh nicht auferstanden. noch nie ist ein toter mensch auferstanden. wenn er tot war. es gibt auferstehungen. aber dann waren diese menschen eben nicht tot. und immer so weiter. es ist evident. und wenn du gläubige, prister und päpste fragen würdest, was das für eine debiele erzählung sei, würden sie sagen: ja! ja! DA!DA! du hast vollkommen recht. – was? der kaiser ist nackt? ja! du kannst gerne den kaiser selbst fragen gehen. dann gehst du. und fragst ihn. und er so: ja, toll sehe ich aus. gell? mein stecken und stab führet dich auf frische auen. FOLGET MIR NACH. #OMG warum hast du mich verlassen?

gestern abend erzählte der priester einen (potenziell anti-semitischen) witz von der kanzel. jener reiche joseph, welcher sein eben neu hergerichtetes familiengrab für die inszenierung zur verfügung stellte, soll von seiner familie scharf kritisiert worden sein. da meinte dieser: „he! leute! ist doch bloss fürs wochenende!

die geschichte von jesus wäre ein schönes #fallbeispiele: eine ideale looser-geschichte, wird zur unter⤵haltenden erlösungsfiktion von milliarden von menschen. wer macht will, tut gut daran, die identifikation mit der rebellen gegen die bösen mächtigen und reichen auszuprobieren. abernu.  ich sollte zum kern des pudels ziehen…

https://twitter.com/SciencePorn/status/713812834963034113

all das hat prof. dr. philipp sarasin nicht nötig. er steht auf schultern von reichen und mächtigen und beginnt seine erzählung entsprechend. souverän. erhaben. locker. als erster zeuge der erzeuger der wirklichen wirklichkeit sei aufzutreten:

1) „Der Berliner Historiker Leopold von Ranke“

der gute soll sich im wesentlichen gegen zwei dinge gewehrt haben: „zum einen gegen den Anspruch der Hegelschen Geschichtsphilosophie, den Gang der Geschichte durchschaut zu haben und daher auch voraussagen zu können. Zum andern aber gegen historische Heiligenbildchen und erbauliche Geschichtsmythen, die den Markt des Erinnerns beherrschten, das heisst gegen eine historische Überlieferung, die auf blossen Legenden und dem Hörensagen beruhte, die falschen, möglicherweise gar gefälschten Herkunftsgeschichten und Irrtümern aufsitzt und die mit ungesicherten, philologisch zweifelhaften oder auch gar keinen Quellen arbeitet.“ und wir haben ein erstes instrument zur hand:

die quellenkritische methode

„Wissenschaftlich wurde die Geschichtsschreibung, weil sie sich mit der Quellenkritik – das heisst die Prüfung der Quellen auf ihre Echtheit, die philologische Sicherung ihrer Aussagen und die kritische Sichtung ihrer Aussagemöglichkeit und der Spezifik ihrer Blickwinkel –, weil sie sich damit also ein methodisches Rüstzeug zurechtlegte, das in Seminaren gelernt und universell angewandt werden konnte.“

wobei: marc bloch. apologie der geschichtswissenschaft. „Anhänger von Robespierre, Gegner von Robespierre, wir flehen Euch an: Sagt uns bitte nur, wer Robespierre wirklich war!“

wie will da einer „richter und belehrer“ sein? ranke notiert 1824 gleich auch noch: „Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren…“ und er soll auch geschrieben haben: „Die Absicht eines Historikers hängt von seiner Ansicht ab.“ und grad auch noch: der historiker müsse zeigen „wie es wirklich gewesen“ sei. (ein satz, welcher in diesen tagen von rinks bis lechts gefordert wird.) kurzum: schon aus dem ersten auftritt der geschichtswissenschaft, beziehen wir alle sätze, mit welchen heute jongliert wird. ohne jeden erkenntniszugewinn.

was aber auffällt?

einer gänzlich anderen art und weise der geschichtsschreibung, wird mit quellenkritik den garaus gemacht. DAS ist die lächerliche botschaft. freilich ist dies eine kinderei. wenn die grossmutter vom mädchen mit der roten kappe vom wolf gefressen wird, fragt kein kind danach, ob das tatsächlich möglich sei. jedes kind versteht, dass der wolf der horror ist. und dass die grossmutter für all das steht, was später gekommen ist. die grossmutter ist die mutter von allem. sie hat auf die welt gebracht, was mich auf die welt gebracht hat. jedes kind versteht, dass es momente gibt, in welchem einfach alles zur disposition steht. sogar die eigene geschichte. die eigenen geschichten. dass nichts mehr gilt. (und nichts ist doch immerhin sehr viel.) dass in einem einzigen moment die ganze welt verschluckt werden kann und sie sich im nächsten gänzlich anders zu zeigen beginnt. dieses lächerliche nachfragen, ob der wolf eine ganze grossmutter verschlucken kann, würde das bild, die geschichte, die erzählung töten.

jedes kind weiss, dass präzis dieses frage nicht gestellt werden darf, um der wirklichen wirklich wie sich das WIR im eigenen ICH vorgestellt hat und dieser geschichte nicht die ganze wirkung zu nehmen.

und genau das haben diese ersten erbauer eines später stolzen elfenbeinturms gemacht? sie haben also den gelehrten in den klöstern die hinterhältigst falschen aller möglichen dummen fragen gestellt? mit diesem sensationell grossen erfolg?

auf eine solche idiotie waren die päpste nicht gefasst. und sie haben ein paar jahre probleme bekommen. waren es wirklich 200 jahre? vermutlich viel weniger. aber immerhin: es wurden grandiose universiäten gebaut. aber auch die weltliche macht – als pendant zu den päpsten – haben ihre schlösser nicht wirklich aufgeben müssen. es wurden einfach zusätzlich noch parlamentgebäude errichtet. und dann noch gleich bahnhöfe. und postgebäude. und… wirklich erfolgreich war diese ablösung nicht. die päpste waren kurzzeitig in problemen. aber nicht lange.

danach kam die atombombe. danach kamen die biologischen waffen. die chemischen. das ABC des terrors war von der leine gelassen. dagegen war jeder beichstuhl, jede hexenverbrennung, jeder kreuzzug von gelangweilten adligen pippifax. eine „quantité néglieable„. abernu… was solls… wie  aber machte sarasin weiter?

 

originalbin am schreiben. mach ab und an reload.
wobei. bedenke:
dieser text ist nicht für dich.
nein. ich publiziere nicht.
nein. frag jetzt nicht.
lies „die form der unruhe„, junius verlag hamburg, 2010.
und tschüss…

 

2) Friedrich Nietzsche, Vortrag in Basel, 1874

a) wirklich ist, was für wahr genommen werden kann. was ist. was fotografierbar ist. was von andern unabhängig von mir und ganz eigenständig genau gleich beschrieben wird. alles, was vermessen werden kann (so wir denn die gleichen massstäbe haben, eine sprache sprechen, welche in andere sprachen übersetzbar sind, etc.)

b) wirklich ist eine wirkende vorstellung. eine idee. eine idee, welche wirkt. etwas allgemeines, etwas was allen zugänglich ist. ein WIR was zugang zum ICH findet. der glaube versetzt berge.

3) Wilhelm Dilthey

„„Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er.“ () „Die Natur, der Gegenstand der Naturwissenschaft, umfasst die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit. Alles, dem der Mensch wirkend sein Gepräge aufgedrückt hat, bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaft.“

Dieser Versuch, die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften abzugrenzen, basierte auf zwei Voraussetzungen: Erstens Diltheys Konzept der Wirklichkeit, und zweitens seine Idee vom Verstehen dieser Wirklichkeit.“

„Diese lebensphilosophisch gewendete Synthese aus Kants Erkenntnistheorie und Hegels Weltgeistlehre ist so konkret wie möglich zu verstehen: „Die Gemeinsamkeit der Lebenseinheiten“, schreibt Dilthey, „ist nun der Ausgangspunkt für alle Beziehungen des Besonderen und Allgemeinen in den Geisteswissenschaften. Durch die ganze Auffassung der geistigen Welt geht solche Grunderfahrung der Gemeinsamkeit hindurch, in welcher Bewusstsein des einheitlichen Selbst und das der Gleichartigkeit mit den Anderen, Selbigkeit der Menschennatur und Individualität miteinander verbunden sind.“ Das also ist die zweite Voraussetzung: „Verstehen“ kann der Geist nur, weil er selbst Teil dessen ist, was er versteht, weil es seine eigene Wirklichkeit ist, die er erforscht. Es ist, so Dilthey, „der Umkreis des Gemeinsamen, welcher den Verständnisvorgang möglich macht“. Mit anderen Worten: das Wirkliche, das die Geisteswissenschaften erkennen können, ist die Wirklichkeit des Lebens, das wir selbst erleben, und erkennen können wir dieses Wirkliche, weil keine Fremdheit das Verstehen stört: wir erkennen und verstehen immer nur das Eigene.

4) Hans-Georg Gadamer 1975

von der Quellenkritik – zum Er:leben – zum dicken, unauflöslichen Strang der Tradition

„Nun, Gadamers dezidiert anti-aufklärerischer, anti-rationalistischer Verstehensbegriff steht, wenn ich recht sehe, als prominenteste Position am Ende einer langen Periode traditioneller oder, wenn Sie so wollen, klassischer Geisteswissenschaft, welche mit grosser, durchaus bürgerlicher Selbstverständlichkeit  das Verstehen der Wirklichkeit als durch den Rekurs auf die angeblichen Gemeinsamkeit des Geistes, des Lebens oder der Tradition gesichert behauptete.“

Das Wirkliche ist immer schon unser.

5) Michel Foucault

„Sie wissen, dass spätestens in den philosophischen Strömungen, die man dem so genannten Poststrukturalismus zuordnet, genau diese Gewissheit zerbrochen ist. So weist etwa Michel Foucault am Ende der 1960er Jahre diesen hermeneutischen Rekurs auf das Gemeinsame in scharfen Worten zurück. 1969 schreibt er mit Bezug auf Nietzsche: „Die ‚wirkliche‘ Historie unterscheidet sich von der Historie der Historiker dadurch, dass sie keinerlei Beständigkeit voraussetzt: Nichts am Menschen – und auch nicht an seinem Leib – ist so unveränderlich, dass man die anderen dadurch begreifen und sich selbst in ihnen wieder erkennen könnte.“ Kein Rekurs auf das Menschlich-Gemeinsame kann für Foucault noch den Bezug zur Wirklichkeit und dessen Verstehen garantieren – und ich wüsste nicht, dass heute noch gegen diese Einsicht mit Gründen eine Auffassung vertreten werden könnte, die zurück zu einer Gadamerschen Position führen würde.“

6 #Hermeneutik

„Hermeneutik bedeutete für Historiker daher häufig nichts anderes, als dass der Historiker die Wirklichkeit nur dadurch verstehen kann, als er Geschichte erzählt. Denn die Narration sei die einzige Form, mit der die Komplexität und Singularität historischer Abläufe verstehend nachvollzogen werden könne. Dieser üblicherweise als konservativ konnotierte Position stand seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine modernisierungstheoretische  gegenüber, die, ausgehend von einer marxistisch inspirierten Wirtschafts- und Sozialgeschichte, darauf abzielte, formale Verfahren der Sozialwissenschaften zu übernehmen, um hermeneutisches Verstehen und Erzählen durch Analyse und Erklärungen nicht zuletzt statistischer Art zu ersetzen. In Deutschland nannte sich diese Strömung daher auch dezidiert „Historische Sozialwissenschaft“. Ihr lag, wie auch dem klassischen marxistischen Denken, die Überzeugung zugrunde, dass sich die wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse durch objektivierende Verfahren meist quantifizierender Art adäquat beschreiben liessen, gestützt durch die theoretische Annahme, dass die solcher Art beschreibbaren ökonomischen Verhältnisse letztlich die bestimmende Grundlage für alle gesellschaftlichen Prozesse darstellen.“

„Es war eine Position, die jedenfalls schon bald scharfen Widerspruch provozierte. Die sogenannten Alltagshistoriker der 1980er Jahre () sie vertraten die von Dilthey ausgehend entwickelte Ansicht der Husserlschen Phänomenologie, dass die Historiker in ihrem Versuch, die vergangene Wirklichkeit zu erfassen, von den „Erfahrungen“ der historischen Subjekte, von ihren Wahrnehmungen und Erlebnissen auszugehen haben. Die Historische Sozialwissenschaft würde mit ihrem generealisierenden, statistisch hochgerüsteten und strukturellen Blick die historischen Subjekte übergehen und damit die Wirklichkeit jener, die in den untersuchten Zeiten gelebt hätten, systematisch verfehlen.“

7 Fernand Braudel

„Diese Kritik der Alltagshistoriker an der Historischen Sozialwissenschaft stand nicht allein; auch in Frankreich formierte sich das Unbehagen am wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Paradigma, das vor allem Fernand Braudel durchgesetzt hatte und das, wie die Kritiker montierten, immer von der Selbstverständlichkeit der sozialen Differenzierung auf der Basis der nationalen Statistik ausging, um dann alle historischen Erscheinungen in diesem Licht zu analysieren.““

8 Roger Chartier

„Doch Chartier argumentierte nicht nur, dass kulturelle Güter und ihre Zirkulation gesellschaftliche Wirklichkeit in einer neuen Weise verstehbar machen würden, sondern postulierte eine „Kulturgeschichte des Sozialen“, die, ohne allzu deutlichen Bezug auf den linguistic turn und den Poststrukturalismus, aber doch im größeren Rahmen der damit angezeigten epistemologischen Umbrüche, die Kategorien des Sozialen selbst historisiere. Dabei bezog er sich auf die Spaltung zwischen einer strukturalistisch-objektivierenden Sichtweise einerseits und einer phänomenologische-individualisierenden andrerseits.“

„Vielmehr sind sie (Kategorien und Klassifikationsschemata, zb berufe, mann:frau, aus:inländer etc. sms) in aller Regel, wie schon 1969 Michel Foucault mit Bezug auf Nietzsche sagte, das Resultat von Konflikten, Machtkonstellationen, ja Kämpfen. Sprachregelungen, Kategorien, Begriffe und Denkschemata setzen sich durch, weil sie durchgesetzt wurden.“

9 „basale hermeneutik“ (sarasin)

„Vielmehr ist es gerade die Fremdheit und Kontingenz der Kategorien, Schemata und Diskursmuster, die der Historiker zu befragen, zu analysieren und zu rekonstruieren hat.“

„Ja, Historiker verstehen immer schon eine ganze Menge, sie verstehen die Sprache der Quellen und sind mit einer bestimmten Tradition vertraut. Aber statt dass dies zur Garantie des Verstehens hypostasiert wird, sind solche hermeneutischen Zirkelbeziehungen eher Grund zur Skepsis und Ansporn zur Analyse jenseits des spontanen Verstehens.“

„… die Beliebigkeit der Erzählung, die Auflösung der Frage nach der historischen Wirklichkeit in ein frivoles Spiel von Zeichen und Interpretationen, die Zurückweisung der Frage nach Gut und Böse, und so weiter.“

10 de facto moderat postmodernen Epistemologie

 

11 „interpretativen Realismus“ (sarasin)

„Erstens: Gesellschaften sind interpretations-Gemeinschaften, deren soziale Wirklichkeit unumgänglich symbolisch codiert ist und von ihren Mitgliedern laufend interpretiert, das heisst decodiert werden muss.“

„zweitens: Auch wir Historiker interpretieren.“

„Gesellschaften sind interpretations-Gemeinschaften, und Historiker interpretieren.“

„a) Zuerst eine Grundsatzentscheidung: Geschichtsschreibung kann den Wirklichkeitsanspruch ihrer eigenen Erzählungen nicht aufgeben, obwohl sie weiß, dass ihre Darstellungen immer nur Interpretationen sind. Gäbe sie diesen Anspruch auf, wäre sie nicht nur keine Wissenschaft mehr, sondern könnte auch nicht mehr eine aufklärende, Mythen und Legenden in Schach haltenden politische Funktion ausüben.

b) eine Einschränkung: Das Ziel der historischen Beschreibung oder Erzählung kann aus prinzipiellen Gründen nie mehr sein als eine robuste Rekonstruktion der Vergangenheit. Robust heisst: die Erzählung oder Beschreibung des Historikers muss durch neue Quellenfunde belastbar sein – denn es gilt grundsätzlich das Vetorecht der Quellen –, im Weiteren muss sie argumentative Einwände aushalten können, und schliesslich muss sie plausibel sein. Ist sie das nicht, hat sie einer besseren Erzählung oder Beschreibung zu weichen.

c) Eine noch grössere Einschränkung: Geschichtsschreibung ist im Wesentlichen Erzählung. Sie kann ihre Gegenstände nur in einem begrenzten Masse analysieren bzw. erklären, weil sich historische Verläufe, Ereignisse und Sachverhalte kaum modellieren und schon nicht gar algorithmisieren lassen. Die Erzählung ist zwar sicher nicht die einzige, aber doch die bevorzugte, weil extrem leistungsfähige Form unserer Referenz auf eine überkomplexe historische Wirklichkeit.“

„geprägt von den epistemischen Regeln“

  1. Wirklichkeitsanspruch

  2. Robustheit

  3. Nicht-Modellierbarkeit

x) was ist also die antwort auf: was heisst: wirklich sein?

a) sagt, wir müssen wissenschaft bleiben. also können wir nicht anders

b) sagt nichts über das veto-recht unter den bedingungen von internet

c) behauptet, storytelling sei die antwort auf komplexität

aber vielleicht ist ja die story bloss nicht so gut getellert… das könnte sich ja bald ändern. im dritten teil der veranstaltungsreihe kommen ja dann eben die profs von der hgkz… die wissen wie es besser geht:

y) der wechsel dominanter kommunikationsmedien

was würde ich sehen, wenn ich mir die sichten auf die schichten von geschichten (der metamorphosen der sozialen frage) durch die folie von vier dominant gewordenen medien
#sprache
#schrift
#buchdruck
#computer 
<<er>finden< und ganz realistisch interpretieren würde?

z) wirklichkeit – realität – wahrheit

wirklichkeit. wenn das wir im ich wirkt. zum beispiel die sprache

realität. das was durchgesetzt wird. mit mächtiger gewalt. und so scheint, als sei es wie es ist. (und es dann von rinks bis lechts verlangt wird, dass es auch so aufgeschrieben wird, wie es ist.

wahrheit. das, was so grossartig (gross und artig! künstlerisch, folgsam, angepasst) tut und aber insbesondere all das bezeichnet, was tabu ist.

nachtrag


Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese HTML Tags kannst du verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>